Spaniens Geschichten

Mysteriöse Grotte bei Valencia: Mädchen kündigt Wunder an - 1947, Drama in Spanien

  • vonStefan Wieczorek
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In einer mysteriösen Grotte in Valencia sollte ein Wunder geschehen. 300.000 Spanier warteten im Dezember 1947 auf die Jungfrau Maria - vergeblich. Was blieb, war ein Kultfilm.

  • Ein Mädchen aus Valencia glaubte 1947, die Jungfrau Maria zu treffen. In ganz Spanien ging die Nachricht um.
  • Vor der mysteriösen Grotte, wo Raquel Roca ein Wunder ankündigte, warteten 300.000 Spanier.
  • Das Wunder traf aber nicht ein. Regisseur García-Berlanga machte einen Kultfilm aus der Geschichte.

Valencia - „Bleiben Sie zu Hause“, appellierten im kalten November 1947 in Spanien die staatlichen und kirchlichen Behörden – wenn man damals, in der frühen Franco-Diktatur überhaupt von einem Unterschied des einen vom anderen sprechen konnte. Spanien quälte sich durch die Nachkriegszeit. Armut, Hunger, Krankheit waren an der Tagesordnung – vor allem in den Orten, von denen normalerweise die Geschichte kaum Notiz nimmt. Solche wie das heute für eine mysteriöse Grotte bekannte Dorf Cuevas de Vinromá im Hinterland der Region Valencia.

Land ValenciaSpanische autonome Gemeinschaft
Fläche: 23.255 km²
Bevölkerung:4,975 Millionen (2019)
Autonomie seit: 10. Juli 1982

Valencia: Wunder in mysteriöser Grotte? Mädchen trifft Jungfrau Maria

„Bleiben Sie zu Hause“, lautete in Spanien der eindeutige Appell. Dabei hatte das Dorf Cuevas im Hinterland von Valencia endlich eine Sternstunde - ja ein Wunder - vor Augen, mitten in dieser entmutigenden Zeit. Wirtschaftlich lag seit Ende des Spanischen Bürgerkrieges 1939 alles brach. Dann warf das extrem kalte Jahr 1946 das von der Landwirtschaft so abhängige Volk um Jahre zurück. Bis zum Ausbruch des Kriegs hatte der kleine Ort geblüht. Die Textilwirtschaft lockte mehrere Tausend Spanier nach Cuevas. Doch die Katastrophe kam mit dem Bürgerkrieg.

Das Pech des Dorfes mit der mysteriösen Grotte war, dass es im Bürgerkrieg von Spanien aufseiten der Verlierer stand. Im April 1938 war es, als das Franco-Lager im Hinterland von Valencia das inmitten von Hügeln und Fluss strategisch günstige Versteck der Roten ausfindig machte und wie eine Dampfwalze überrollte. Dem Erdboden gleichgemacht wurden Häuser und die militärisch genutzte Kirche. Nach Jahren der Angst war klar: Das alte Leben war endgültig vorbei. Nur noch ein Wunder konnte da helfen.

Acht Jahre nach dem Krieg ist im Dorf bei Valencia die Moral – trotz energischer, nun allseits präsenter kirchlicher Verkündigung – lange nicht gestärkt. In diese kritische Lage hinein platzt eine erstaunliche Nachricht. Ein Wunder geschehe an den Höhlen am Fluss San Miguel. Niemand Geringeres als die Heilige Jungfrau Maria erscheine in einer mysteriösen Grotte. Gesehen habe sie ein kleines Mädchen – ein Kind der Nachkriegszeit, die gerade einmal achtjährige Raquel Roca.

Mysteriöse Grotte bei Valencia: Wo tausende Spanier 1947 blaues Wunder erlebten

Valencia: In mysteriöser Grotte erscheine angeblich die Jungfrau Maria

Die geheimnisvolle Frau tauche in der mysteriösen Grotte, der Cueva de la Campana, auf, spreche zu ihr und tröste sie, erzählt das Mädchen Raquel Roca im Dorf. An das Wunder glauben zunächst wenige, auch wenn die Höhlenwand schon immer von Sagen und Legenden umgeben war. La Morería – den Namen erhielt die Felswand, weil sie die Siedlung der aus dem Ort geschmissenen Mauren wurde, als die Christen bei der Reconquista das Zepter im Land Valencia übernahmen.

Doch auch viel ältere Reste fanden Forscher in dem geologisch hochinteressanten Areal im Osten von Spanien immer wieder. Scherben aus der Antike, und auch geheimnisvolle Malereien aus der Steinzeit. Sozusagen ist die Geschichte der Erde und der Menschheit in diesen Fels am Fluss gehauen. Wie gemacht für eine himmlische Erscheinung oder ein Wunder scheint da seine auffälligste mysteriöse Grotte, die Cueva de la Campana.

Ein bisschen Glocke, ein bisschen Gestalt mit Gewand und ausgebreiteten Armen – so sieht die große Öffnung im Berg aus, vor die sich Raquel Roca 16 Tage am Stück hinkniet. Das Gesicht des Kindes spricht dabei Bände – das werden Zeugen, die sich nach und nach zu dem Mädchen gesellen, später berichten. Aus den bereits in die junge Haut gegrabenen Sorgenfältchen werden, wenn sie das Wunder der Jungfrau Maria wahrnimmt, beruhigte, freudenvolle Züge.

Eines aber bleibt für die Zeugen gleich: Die Leere in der mysteriösen Grotte. Niemand außer Raque Roca sieht die Trösterin der Völker. Auch ihr Onkel nicht, der Einzige in ihrer Familie, der ihr Glauben schenkt. Und schon gar nicht der Vater des Mädchens: Ein erklärter Atheist und Kommunist, der ihre Erzählungen als Hirngespinste abtut. Womit er ausnahmsweise mit der Kirche einig ist. Die stellt fest: Raquel habe kürzlich das „Lied von Bernadette“ (Trailer unten) gesehen, einen Film über die Wunder um die Jungfrau Maria von Lourdes. Offenbar hat die Fantasie des Mädchens daraus die Erscheinung in der Felswand gesponnen.

Mysteriöse Grotte bei Valencia: Wunder mit Jungfrau Maria? Fátima lässt grüßen

Dass die katholische Kirche in Spanien damals so energisch dementiert, mag überraschen: Hat sie damals doch bereits die besagte Lourdes-Erscheinung der Jungfrau Maria als glaubhaft anerkannt. Und auch das Wunder im portugiesischen Fátima, wo die Hirtenkinder Lucía, Jacinta und Francisco im Jahr 1917 der Gottesmutter begegnet sein sollen.

Im Jahr 1947 haben sich die portugiesischen Ereignisse gerade zum 30. Mal gejährt. Der Kult um die Fátima-Jungfrau wächst auch in Spanien und Valencia unaufhaltsam, ganz zur Zufriedenheit auch der nationalkatholischen Diktatur. Schließlich warnte die Jungfrau Maria in ihren Botschaften in Fátima vor den „Irrlehren Russlands“ – und das 1917, im Jahr der roten Revolution.

Das konnte ein Franco in seinem Kreuzzug gegen den Kommunismus nur begrüßen. Doch die Wunder von Fátima hatten auch in säkularen Kreisen eine unerwartete Kraft entwickelt. Der Grund war das große Finale der damaligen Erscheinungen. 30.000 Menschen sahen am 13. Oktober 1917 in Fátima ein erstaunliches Phänomen, bei dem die Sonne scheinbar auf die Erde fiel. Das „Sonnenwunder“ ist gerade dank der Presse im laizistischen Portugal gut belegt. Sicher kennt im Jahr 1947 auch die kleine Raquel Roca die Geschichte, sodass der Verdacht naheliegt, dass sie daraus die Idee fürs große Finale ihrer Erscheinungen entwickelt hat.

In Rekordzeit verbreiten sich die Berichte des Mädchens aus dem Dorf bei Valencia wie ein Feuer in einer trockenen Landschaft. Erst Hunderte, dann Tausende finden den Weg ins kleine Cuevas im Osten Spaniens, um das Wunder zu erleben, wie Raquel Roca zur Jungfrau Maria, der heiligen Virgen, spricht. In Zeiten, in denen keiner von Handys und Sozialen Netzwerken träumt, und auch keine Großevents stattfinden, ist allein diese Massen-Wirkung ein Mirakel.

Mysteriöse Grotte bei Valencia: Am 1. Dezember soll großes Wunder geschehen

Doch getoppt wird alles, als Raquel Roca den letzten Hasen aus dem Hut zieht: Am 1. Dezember 1947 - das kündigt das Mädchen an - werde sich die Virgen in dem Dorf hinter Valencia mit einem großen Wunder zeigen. Um 15 Uhr werde der Tag dunkel. Kranke würden geheilt, Traurige und Arme getröstet. Die Ankündigung schießt durchs geplagte Land und erreicht die entferntesten Winkel Spaniens.

„Bleibt zu Hause“, mahnen der rechtsnationale Staat und die katholische Macht, schauen aber sprachlos zu, wie sich tausende Menschen aus ganz Spanien zur mysteriösen Grotte im Land Valencia aufmachen. Nicht in Bussen, nicht im Flugzeug. Mit Karren, Eseln, auch zu Fuß. Tage zuvor campen die Massen bereits im Flusstal an der Höhlenwand. Es ist eisig kalt. Der Boden ist mal gefroren, mal matschig. Doch das ist allen egal. Denn sie sind sich sicher: Am Montag um 15 Uhr passiert hier ein Wunder.

Die Stunden vergehen immer langsamer. Das letzte Mal bibbernd aufwachen. Es ist Montagmorgen, bald ist es soweit. 300.000 Herzen klopfen, als Raquel Roca zur mysteriösen Grotte aufsteigt. Sie betet. Wie spät ist es? Fast 15 Uhr. Die Hände werden gefaltet, die Augen erhoben. Und es passiert – nichts. Kein Wölkchen ändert den Kurs. Und die Grotte? Wie immer, leer.

Mysteriöse Grotte bei Valencia: Hier sprach Raquel Roca zur Jungfrau, oder nicht?

Eine Aufforderung unterbricht das bedröppelte Schweigen. „Alle in den Fluss!“ Das habe die Jungfrau Maria so angeordnet, spricht sich in der Menge herum. Ins schlammige Nass unter der mysteriösen Grotte stürzen sich unzählige Menschen, waten, tauchen, schmieren sich ein. Irgendwann gehen alle nach Hause. Ist in Cuevas nun ein Wunder passiert oder nicht?

Auffällige Heilungen oder dergleichen sind jedenfalls Fehlanzeige. Das melden später alle Mediziner im besagten Hinterland von Valencia. Nur langsam werden sich die Dorfbewohner dessen bewusst, dass rein gar nichts geschehen ist. Keine neue Sternstunde für Cuevas de Vinromá. Nur ein neuer, höchst peinlicher, Tiefschlag.

Mysteriöse Grotte bei Valencia: Regisseur Berlanga macht aus blauem Wunder Kultfilm

Für Raquel Roca und ihre Familie ist es in dem Dorf im Land Valencia das Ende. Sie ziehen weg, sie heiratet irgendwann einen Arzt, zieht ruhmlos nach Katalonien. Über die Ereignisse herrscht betretenes Schweigen – bis 1957 ein junger Regisseur, der große Luis García-Berlanga, einen neuen Film dreht. Die Story: Es geht um ein Wunder, mit dem sich ein kleines Dorf in Spanien profilieren will.

Welches gemeint ist, ist in Valencia und ganz Spanien allen klar. „El jueves, milagro“ – „Am Donnerstag, ein Wunder“ – nennt García-Berlanga den Kultfilm, und wandelt den heiligen Reinfall von 1947 mit dem Titel bereits leicht ab. Aus Montag wird nämlich Donnerstag, aus Cuevas de Vinromá ein Ort namens Fontesilla. Und auch die Jungfrau Maria ersetzt Berlanga. Der Heilige in seinem Film ist der Patron des erfundenen Ortes - ausgerechnet der heilige Dismas.

Ein Geniestreich von García-Berlanga ist diese Wahl, ist Dismas doch der Verbrecher, der neben Jesus am Kreuz hing. Nicht etwa, weil er das Evangelium verkündet hätte. Sondern, so die Überlieferung, weil er mit Gewalt gegen die Römer rebellierte und Reiche überfiel. Dieser Robin Hood der Bibel – im Film ist er auch ein politischer Seitenhieb für Spanien. Doch die erzkatholische Diktatur kann Regisseur García-Berlanga Berlanga nichts anhaben. Denn: Dismas ist ein anerkannter Heiliger, mit Fest am 25. März – und zudem der einzige, den Jesus persönlich heilig sprach. „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“, hört Dismas kurz vor dem Tod.

Geschickt, genial balanciert García-Berlanga zwischen dem Sagbaren und dem Schelmischen. Doch die Schere der Zensur ist da. Ein von der Regierung von Spanien beauftragter Priester ändert so viel, dass der Regisseur ihn sogar als Co-Autor nennen will – doch vergeblich. Am Ende bleibt es zwar ein Kultfilm mit Starbesetzung – jedoch an den Kassen ein Riesenflop. Statt 300.000 wie in die mysteriöse Grotte von Valencia verirren sich keine 300 Zuschauer ins Kino.

Mysteriöse Grotte bei Valencia: Das Wunder, das am 1. Dezember 1947 geschah

Ist die Zensur am Flop des Kultfilms schuld? Oder ist Spanien, in Zeiten frommen „Marcelino“-Kinos, noch nicht reif für postmodernen Glaubenshumor? Dass der Film unter Franco überhaupt in die Kinos kam, kann man heute jedoch getrost als Wunder bewerten.

Und – das Dorf Cuevas mit der mysteriösen Grotte bei Valencia sei getröstet – durchaus auch die Ereignisse des 1. Dezembers 1947. Denn, dass 300.000 Menschen in Eiseskälte aufeinanderhockten, viele hustend und schniefend, und daraus keine gewaltige Epidemie im Stile der spanischen Grippe entstand, bewerten heutige Mediziner dann doch als übernatürliche Fügung.

Rubriklistenbild: © Stefan Wieczorek

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