Kevin Krawietz (l) und Andreas Mies gewannen 2019 die French Open. Foto: Pavel Golovkin/AP/dpa
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Kevin Krawietz (l) und Andreas Mies gewannen 2019 die French Open. Foto: Pavel Golovkin/AP/dpa

Doppel-Titel bei French Open

Verschwitztes Hemd eingerahmt - Triumph für die "Ewigkeit"

Andreas Mies und Kevin Krawietz verblüfften vor einem Jahr mit dem Doppel-Titel bei den French Open. Es war ein ebenso völlig überraschender wie historisch bedeutsamer Sieg. Das Tennis-Shirt, das er damals in Paris trug, habe er nie gewaschen, erzählt Mies.

Paris (dpa) - Diese Szene hat sich manchem deutschen Tennis-Fan so eingeprägt wie Bilder von Boris Becker mit dem Wimbledon-Pokal. Andreas Mies und Kevin Krawietz liegen auf der roten Asche von Paris, die Arme und Beine von sich gestreckt.

Synchron lassen sie sich im Moment des größten Triumphs eines deutschen Doppels seit 1937 rücklings fallen. Sequenzen ihres French-Open-Titels wurden immer wieder abgespult, sie schmückten sämtliche sportlichen Jahresrückblicke. Am 8. Juni jährt sich der Coup zum ersten Mal.

"Das ist ein Bild für die Ewigkeit. Das war so surreal", sagt Mies der Deutschen Presse-Agentur. "Ich weiß noch haargenau, wie das war, wie der letzte Ball - so kam es mir vor - wie in Zeitlupe zu mir kam, und ich ihn zur Seite weggeschmettert habe. Ich weiß, wie ich auf dem Boden lag und in den Himmel geschaut habe. Es war so unfassbar."

Wie sie jubeln, hätten sie beide vorher nicht abgesprochen, sagt Mies. Der Kölner und der Coburger Krawietz, die auf dem Tennisplatz als Doppel so außergewöhnlich harmonierten, haben einfach an diesem emotionalen 8. Juni 2019 gegen 20 Uhr spontan gleich reagiert. Sie hatten etwas geschafft, was zwar nicht so hoch einzuschätzen ist wie ein Wimbledon-Sieg von Becker. Historisch war er aber allemal.

Es ist ein Erfolg, der ohne zu übertreiben als Sensation beschrieben werden kann. "Sie haben sich in einen Rausch gespielt. Das war eine Riesensache, eine herausragende Leistung", schwärmt Davis-Cup-Teamchef Michael Kohlmann.

Seit Gottfried von Cramm und Henner Henkel 82 Jahre zuvor hatte kein rein deutsches Doppel mehr einen Grand-Slam-Sieg geholt. In der Geschichte des Profi-Tennis, der Open Era ab 1968, hatte noch nie ein deutsches Doppel bei einem der vier wichtigsten Turniere gewonnen. Dann kamen die beiden bis dato Tennis-Nobodys und zogen nicht nur ins Endspiel von Paris ein, sie entschieden es gegen die Franzosen Jeremy Chardy und Fabrice Martin mit 6:2, 7:6 (7:3) für sich.

Anschließend begann eine ausgelassene Party-Nacht, für die Krawietz und Mies übermütig ankündigten, den Eiffelturm abreißen zu wollen. "Wir haben auch kräftig mit 60 Mann daran gerüttelt, aber er war dann doch zu stabil", scherzt Mies heute. Ständig wird er an die damaligen Emotionen erinnert, er muss dafür nur in sein Wohnzimmer gehen. Dort hängt eingerahmt sein grünes Hemd, mit dem er nach dem verwandelten Matchball auf den Sand sackte. Ungewaschen, wie Mies erzählt: "Mit der roten Asche auf dem Rücken".

Das Finale hat er sich erst vor wenigen Tagen noch einmal angeschaut. Vor dem Fernseher war die Anspannung zurück. "So oft ich mir das Finale anschaue, das Ergebnis wird sich nicht ändern, wir werden es immer gewinnen. Das ist so beruhigend", sagt der 29-Jährige.

Nach diesen wundersamen Wochen von Paris hatte sich das Tennis-Leben von Krawietz und Mies schlagartig grundlegend verändert. Den finanziellen Überlebenskampf der zweitklassigen Challenger-Tour hatten sie noch nicht lange hinter sich, nun standen sie auf einer Stufe mit großen Tennis-Duos wie Boris Becker und Michael Stich, die 1992 olympisches Gold gefeiert hatten. Stich hatte mit dem Amerikaner John McEnroe 1992 in Wimbledon gewonnen. Auch Philipp Petzschner holte mit dem Österreicher Jürgen Melzer 2010 und 2011 zwei Grand-Slam-Titel. Eine so erfolgreiche deutsche Paarung gab es nicht.

Der Erfolg war Krawietz und Mies, die in Wimbledon in Runde eins ausschieden, bei den US Open aber das Halbfinale erreichten, viel mehr wert als der gemeinsame Siegercheck über 580.000 Euro. Dass der Titel ihnen die Tür für die großen Turniere und Sponsoren öffnete, hilft aber auch jetzt in der Coronavirus-Krise. "Jetzt kommen wir ruhig durch die Zeit", sagt Mies. "Hätten wir diese Situation vor den French Open erlebt, wäre es für uns auch schwer gewesen."

Krawietz nutzte die Corona-Zwangspause zuletzt für einen ungewöhnlichen Perspektivwechsel auf 450-Euro-Basis und jobbte in einem Supermarkt. Seit Mitte März finden keine Turniere mehr statt. Viel lieber hätte das Doppel jetzt natürlich wieder bei den French Open gespielt, die vom 24. Mai bis 7. Juni angesetzt waren. "Das einzig Positive daran ist, dass es jetzt nicht stattfindet, dass wir noch länger amtierende French-Open-Champions sind", sagt Mies. Er lacht. Noch gibt es Hoffnung, dass das Turnier Ende September nachgeholt wird.

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