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Doping-Experte über Olympia: „Glaube nicht, dass in Paris so viele Fälle aufgedeckt werden“

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Pillen und Medikamente in Form von Athleten, passend zu Doping bei Olympia
Pillen und Medikamente in Form von Athleten: Im Spitzensport wird vielfach gedopt – wohl auch rund um die Olympischen Spiele in Paris. © Aurelien Morissard/AP/Imago/Depositphotos/ingimage

Sind diese Olympischen Spiele fair – oder wird mit unerlaubten Mitteln nachgeholfen? Doping-Experte Hajo Seppelt meint im Interview: „Dass Doping einen Einfluss auf Olympia hat, ist ganz sicher.“

Die Olympischen Spiele in Paris beginnen. Etwa 10.000 Athleten aus über 200 Nationen kämpfen in mehr als 300 Wettkämpfen um Medaillen. Wenn bei den Spielen Bestleistungen aufgestellt und Rekorde gebrochen werden, wird ein Mann besonders genau hinsehen: Doping-Experte Hajo Seppelt. Der ARD-Journalist deckte in einem neuen Film systematisches Doping in unterschiedlichen Sportarten und Ländern auf. Wird zu lasch kontrolliert? Im Interview mit IPPEN.MEDIA kritisiert er auf IOC und WADA und meint: „Der ganze Anti-Dopingkampf steckt in einer fast beispiellosen Glaubwürdigskeitskrise.“

Herr Seppelt, in Deutschland gab es immer mal wieder Doping-Fälle, der bekannteste ist Jan Ullrich. Wie sauber sind deutsche Athleten?

Das lässt sich seriös kaum einschätzen. Ein Staatsdoping oder ein vom Staat toleriertes systematisches Doping dürfte es nicht mehr geben, das ließe sich heutzutage kaum geheim halten. Durch das vergleichsweise engmaschigere Dopingkontrollsystem und eine stärkere gesellschaftliche Sensibilisierung für das Thema besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass der Abschreckungseffekt hierzulande größer ist als in manch anderen Ländern. Aber ich würde deshalb – das zeigen ja auch immer wieder Fälle einzelner Athleten – natürlich nicht behaupten, dass wir in Deutschland einen weitgehend dopingfreien Spitzensport haben. Allein anonyme Befragungen von Hochleistungssportlern, die Doping einräumten, haben ja schon vor Jahren gezeigt, dass es weit mehr Sportbetrüger geben dürfte als durch Kontrollen erwischt werden. 

Wird bei diesen Olympischen Spielen gedopt werden? 

Wer bei einem Wettkampf wie Olympia vor Ort dopt, muss ziemlich naiv sein. Da „fliegen nur die Bekloppten auf“, wie es ein Anti-Doping-Funktionär kürzlich formulierte. Die Chance aufzufliegen ist dann natürlich viel größer, weil es mehr Kontrollen gibt. Es käme ja auch keiner auf die Idee, besoffen an einem Polizeirevier vorbeizufahren. Ich glaube daher nicht, dass in Paris so viele Dopingfälle aufgedeckt werden. Was aber überhaupt nicht bedeutet, dass nicht gedopt worden ist… 

Also wurde womöglich vor den Spielen gedopt?

Dass Doping einen Einfluss auf Olympische Spiele hat, ist ganz sicher. In der Vorbereitung auf einen Wettkampf hat Doping den größten Nutzen, etwa im Ausdauer- und vor allem im Kraftbereich. Die Leistungen fußen dann bei Olympia auf Betrug. So oder so versucht das IOC aber natürlich, das Thema Doping so weit wie möglich aus den Spielen rauszuhalten. 

Wie meinen Sie das?

Es ist auffällig, dass in den letzten Jahren Bekanntgaben von positiven Doping-Tests oft erst kurz nach den Spielen erfolgten. Nichts soll den schönen Schein stören. Das ist PR für vermeintlich saubere Spiele, indem man die schlechten Nachrichten einfach auf den Zeitpunkt verschiebt, zu dem die internationale Journalistenschar wieder abgereist ist. Und besonders fragwürdig ist ganz aktuell, dass das IOC der Weltantidopingagentur WADA kürzlich volles Vertrauen zusicherte – obwohl völlig offenkundig ist, dass es in China einen Verdacht von Massendoping gibt, der von der WADA nicht aufgeklärt wurde, sie dazu jahrelang schwieg. 

Hajo Seppelt, deutscher Sportjournalist und Doping-Experte
Hajo Seppelt recherchiert seit vielen Jahren zu Doping im Spitzensport. In seiner ARD-Reihe „Geheimsache Doping“ berichtet er aktuell über systematischen Betrug rund um Olympische Spiele. © IMAGO/Rolf Walter

Doping chinesischer Olympia-Schwimmer: „Das ist eine Räuberpistole“

Da geht es um gedopte Schwimmer, können Sie das noch einmal kurz erklären? 

23 chinesische Schwimmer wurden im Januar 2021 positiv getestet. China hielt den Fall zunächst geheim und begründete ihn Monate später mit einem absurden Szenario: Im Waschbecken einer Hotelküche habe man nun Spuren eines verbotenen Herzmittels gefunden, das im Januar über die Kochtöpfe oder Pfannen auf die Teller aller 23 Athleten gelangt sei, die das dopingverseuchte Essen dann ohne ihr Wissen zu sich genommen hätten. Es klingt nicht nur wie eine Räuberpistole, es ist, wie unsere Recherchen nahelegen, auch eine. Wir haben Chats und Posts der betroffenen Schwimmer zugespielt bekommen. Wenn diese der Wahrheit entsprechen, waren zum Beispiel gar nicht alle 23 Schwimmer in dem Hotel untergebracht. Wie sollen sie dann alle das Essen aus der Hotelküche konsumiert haben? Und das ist bei weitem nicht der einzige Widerspruch, der uns aufgefallen ist.

Trotzdem dürfen einige der mutmaßlich gedopten Sportler in Paris an den Start gehen… 

… Ja, die WADA stellt sich stur und ignoriert das alles. Das IOC steht hinter ihr und das zeigt, dass der ganze Anti-Dopingkampf derzeit in einer fast beispiellosen Glaubwürdigskeitskrise steckt. Es geht mehr um den Schutz der verantwortlichen Organisationen als um sauberen Sport, dieser Eindruck muss sich hier aufdrängen. WADA und IOC hoffen offenbar darauf, dass der Spuk vorbeigeht, und keiner mehr unangenehme Fragen stellt. Die WADA droht sogar inzwischen unverhohlen ihren Kritikern, das gab es so noch nie. Und passend dazu gibt es bei Olympischen Spielen immer wieder die Folklore durch das IOC und andere, wie toll das Kontrollsystem vor und während der Spiele sei und dass es kaum Doper gäbe, wenn wenig positive Tests in der Bilanz stehen. Dabei ist die Suche nach Dopingsubstanzen in manchen Laboren auf der Welt teilweise sehr lückenhaft. Ganz simpel gesagt: Wenn man im Labor in einer Urinprobe nicht nach allem, was an Dopingsubstanzen existiert, sucht, dann findet man auch nicht alles. Das weiß aber das Publikum nicht, und so wird der Öffentlichkeit permanent Sand in die Augen gestreut. 

Das kritisieren Sie auch über Olympia hinaus. Im Fußball oder auch im Tennis werde nur in 10 Prozent der Proben auf die hochwirksamen Dopingmittel EPO und Wachstumshormon kontrolliert, heißt es in Ihrem neuen Film. Wird auf diese Weise Doping vertuscht?

Ich würde das nicht als Vertuschung bezeichnen, aber als gezielte Fahrlässigkeit. So trägt man dazu bei, dass Doping nicht aufgedeckt wird. 

Wie groß ist das Thema Doping im Fußball?

Es wird natürlich versucht, das Thema kleinzuhalten. Wer behauptet, dass Doping im Fußball nichts bringt, hat sich wahrscheinlich noch nie mit der Wirkweise von Medikamenten beschäftigt. Ich glaube aber nicht, dass es heutzutage in der Bundesliga systematisches Doping gibt, das würde wahrscheinlich schnell herauskommen. 

Doping bei Olympia: Mehr als 300 Medaillen-Gewinner mit Doping-Vergangenheit

Ihre Recherchen zeigen, dass bei den Spielen der jüngeren Vergangenheit vielfach Sportler antraten, die vorher, während oder nach Olympia erwischt wurden. Wie viele Medaillen wurden mutmaßlich unsauber geholt?

Seit 2004 waren es 118, die durch Tests bei Olympia oder durch nachträgliche Analysen der Proben aufflogen. Es waren sogar mehr als 300 olympische Medaillengewinner, die irgendwann in ihrer Karriere mindestens einmal als Doper enttarnt wurden. Das ist aber mit hoher Wahrscheinlichkeit nur die Spitze des Eisbergs, weil viele gar nicht erwischt worden sein dürften. Das legt die sporthistorische Forschung nahe. 

Welche Länder sind besonders auffällig?

Kenia zum Beispiel ist die erfolgreichste Läufernation der Welt. Es ist offenkundig, dass das nicht allein auf Müsli und Talent beruht. Im Moment fallen die kenianischen Läufer bei Doping-Tests wie Domino-Steine. Das ist ein Erfolg der Athletics Integrity Unit des Leichttechnik-Weltverbandes, die nach dem Russland-Skandal gegründet worden ist und gezeigt hat, dass man Antidoping-Kampf auch anders machen kann als WADA und IOC. Indien hat die meisten positiven Tests weltweit laut Statistik, dort sind die Anti-Doping-Maßnahmen aber nach unserem Eindruck bei weitem nicht so gut. Das zeigt auch unser Film. Und manche Länder mit massiven Dopingproblemen zumindest in der Vergangenheit sind heutzutage quasi closed Shops für uns, etwa China und Russland. Unabhängige Recherchen, sind vor Ort quasi unmöglich, würden zudem auch nicht ungefährlich sein. Die Erfahrung zeigt, dass gerade in autokratisch regierten Ländern, die den Sport besonders auffällig als Propagandainstrument missbrauchen, Dopingstrukturen sogar gefördert werden.

Interview: Andreas Schmid

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