Sevilla im Europa-League-Finale

„Spaniens Stolz“ Sevilla: Dauer-Sieger im „Cup der Verlierer“

  • vonStephan Kippes
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Die Konkurrenz in Spaniens Fußball-Liga ist übermächtig, also hat sich der FC Sevilla eine Nische gesucht. Seit 2006 haben die Andalusier sechs Mal den UEFA-Cup und den Nachfolge-Wettbewerb, die Europa League, gewonnen. Am Freitag in Köln besiegten sie Inter Mailand 3:2 im Finale.

Update, Samstag, 22. August: Rekordsieger FC Sevilla hat zum vierten Mal die Europa League gewonnen. Der Fußball-Erstligist setzte sich am Freitag im Finale in Köln mit 3:2 (2:2) gegen Inter Mailand durch. Für die Mannschaft von Trainer Julen Lopetegui traf zunächst der frühere Gladbacher Bundesliga-Profi Luuk de Jong (12. und 33.), ehe Inter-Stürmer Romelu Lukaku einen Fallrückzieher von Diego Carlos (74.) ins eigene Tor abfälschte.

Bereits den Vorgänger-Wettbewerb UEFA-Cup hatte Sevilla zweimal (2006 und 2007) gewonnen, in der Europa League triumphierte der andalusische Club auch von 2014 bis 2016. Lukaku (4./Foulelfmeter) hatte Mailand zunächst in Führung gebracht, außerdem traf Diego Godin (36.) für das Team von Trainer Antonio Conte.

...und am Ende gewinnt Sevilla: Typen und Geschichten eines Finales

Das war ein würdiges Finale! Das Endspiel des ersten Europa-League-Finalturniers bot alles, was ein Fußball-Spiel braucht. Tore, Diskussionsstoff, Helden und tragische Helden. Und der Titel ging wieder mal nach Sevilla

.In der Europa League spielen 213 Mannschaften aus ganz Europa - und am Ende gewinnt immer der FC Sevilla. So könnte man den legendären Spruch der britischen Fußball-Ikone Gary Lineker von den letztlich immer gewinnenden Deutschen umdichten. Denn durch das 3:2 (2:2) im Europa-League-Finale gegen Inter Mailand gewannen die Andalusier schon zum sechsten Mal seit 2006 den kleinen Europacup. Damit sind sie mit Abstand Rekord-Gewinner und haben so viele Titel geholt wie alle deutschen Vereine zusammen. Doch das hitzige, teilweise verrückte und spektakuläre Finale von Köln sorgte nicht nur für spannende Statistiken, sondern auch für emotionale Geschichten.

TRAGISCHER HELD: Romelu Lukaku hatte das Zeug zum Helden. In der 5. Minute hatte der Inter-Stürmer einen selbst herausgeholten Elfmeter zur Führung verwandelt. Er hatte seine Rekord-Serie ausgebaut, weil er im elften Europa-League-Spiel in Folge traf. Und er hatte das früheste Final-Tor in der Geschichte des Wettbewerbs erzielt. Doch am Ende war der Belgier die tragische Figur. Der Fallrückzieher von Diego Carlos - der ihn beim Elfmeter plump gefoult hatte - wäre nämlich am Tor vorbeigeflogen. Doch Lukaku fälschte ihn ins Tor ab. Die UEFA gab das Tor Carlos und ersparte Lukaku die Schmach, als Eigentor-Schütze des entscheidenden Treffers in den Büchern verewigt zu werden. Das tröstete ihn freilich wenig. Direkt nach Anpfiff rannte der 27-Jährige in die Kabine, schwänzte die Siegerehrung und verzichtete auf seine Silbermedaille.

ECHTER HELD: Bei Borussia Mönchengladbach ist Luuk de Jong als einer der wenigen Transfer-Fehlgriffe von Manager Max Eberl in Erinnerung. Nun ist er der Held von Sevilla. Dem Siegtor als Joker beim 2:1 im Halbfinale gegen Manchester United ließ er nach der Beförderung in die Startelf zwei Kopfballtore folgen: Das war noch keinem Spieler in einem Europacup-Endspiel gelungen. „Der Erfolg der Mannschaft ist wichtiger als meine Tore“, sagte de Jong: „Aber einen Titel zu holen und dabei Tore erzielt zu haben, fühlt sich wunderbar an.“

REHABILITIERT: 2018 war Julen Lopetegui international ins Rampenlicht gerückt und hatte viel Spott über sich ergehen lassen müssen. Zunächst wurde er bei Spaniens Nationalmannschaft noch vor dem ersten WM-Spiel entlassen, weil er seinen Wechsel zu Real Madrid angekündigt hatte, dann warfen ihn die Königlichen nach nur zehn Spieltagen raus. Nun führte er Sevilla in seiner ersten Saison zum Europacup-Sieg. Genugtuung wollte er sich aber keine anmerken lassen. „Es stimmt, mir war keine lange Zeit bei Real vergönnt“, sagte der 53-Jährige: „Aber dann habe ich die wunderbare Gelegenheit bekommen, mit dieser tollen Mannschaft zu arbeiten. Hier bin ich glücklich.“

RÜCKKEHRER: Als der FC Sevilla 2006 durch ein 4:0 gegen den FC Middlesbrough zum ersten Mal UEFA-Cup-Sieger wurde, stand Jesus Navas als 20-Jähriger 90 Minuten auf dem Platz. Auch 2007 war er Stammspieler. Ausgerechnet in den vier Jahren, in denen der kleine Mittelfeldspieler aus der Region Sevilla nicht in der Heimat spielte, holte sein Verein dann dreimal in Folge die Europa League. 2017 kehrte Navas von Manchester City zurück, nun durfte er die Trophäe nach 13 Jahren wieder in die Luft recken. „Ich kann es gar nicht in Worte fassen“, sagte der inzwischen 34-Jährige sichtlich gerührt.

ZUKUNFT OFFEN: Antonio Conte führte Inter Mailand in seinem ersten Jahr zur Vize-Meisterschaft und ins Europa-League-Finale. Seine Zukunft ließ der Inter-Trainer, der sich mit der Vereinsführung überworfen hat, aber offen. „Es ist nicht der richtige Zeitpunkt, darüber zu sprechen“, sagte er.

Köln - Von wegen „Cup der Verlierer“: Franz Beckenbauer verpasste dem kleinen Europacup einst den höhnischen Beinamen. Die Fußball-Bundesligisten blamieren sich seit über 20 Jahren nach Kräften, doch der FC Sevilla aus Spanien zeigt den wahren Wert der Europa League und spielt sich als Serien-Sieger ins internationale Rampenlicht.

FC Sevilla ist Rekordgewinner in der Europa League

Die Andalusier bleiben in einer heimischen Liga mit dem FC Barcelona, Real Madrid und Atlético Madrid quasi immer ohne Meisterchance. Die Europa League haben sie als ihre Nische und Lieblings-Disziplin auserkoren. Nach der unterirdisch schlechten Leistung der großen Drei in der Champions League, halten nur noch die Sevillaner das Spanien-Fähnchen in einem europäischen Fußballwettbewerb hoch, in dem sie sich durch fünf Titel seit 2006 zum Rekord-Gewinner aufgeschwungen haben. Am Freitag stehen sie in Köln gegen Inter Mailand (21 Uhr/RTL und DAZN) schon wieder im Finale. „Für Sevilla ist die Europa League ein Paradies“, schrieb die Zeitung „El Pais“.

„Man sollte überlegen, diesen Wettbewerb umzutaufen und Sevilla League zu nennen. Denn in der Europa League gelten nicht die Gesetze des Fußballs, hier gelten die Regeln des FC Sevilla“, schrieb die Fachzeitung „AS“ und versuchte das Phänomen zu erklären: „Wenn das Team erst einmal im Viertelfinale steht, treten die Spieler immer in eine mystische, himmlische Dimension, die sie unweigerlich und unabhängig von Umständen zum Titelgewinn führt.“

Der FC Sevilla versetzt seine Fans per Twitter mit den schönsten Finaltoren schon einmal in Jubelstimmung:

In einer Saison, in der die Primera Division erstmals seit 13 Jahren nicht im Champions-League-Halbfinale vertreten war - weil Real schon im Achtelfinale scheiterte, Barca sich mit 2:8 vom FC Bayern demütigen ließ und Atlético gegen RB Leipzig ausschied - sind plötzlich alle Augen auf Sevilla gerichtet. Die „Marca“ bezeichnete das Team von Trainer Julen Lopetegui zuletzt als „Stolz Spaniens“.

Auch für Lopetegui bot die Europa League eine gute Chance zur Rehabilitation. 2018 hatte der als Fachmann und Talkgast in seiner Heimat geschätzte Coach nämlich eher zweifelhaften Ruhm erhalten. Bei Spaniens Nationalmannschaft wurde er noch vor dem ersten WM-Spiel entlassen, weil er seinen Wechsel zu Real Madrid angekündigt hatte. Und die Königlichen warfen ihn dann schon im Oktober nach zehn Spieltagen wieder raus. Neun Monate später übernahm Lopetegui Sevilla, am Ende seiner ersten Saison steht er mit den Andalusiern prompt wieder im Finale ihres Spezial-Wettbewerbs, in dem sie noch keine Endspiel-Niederlage erlitten. Zudem geht Sevilla mit dem Selbstvertrauen von zuletzt 20 Pflichtspielen ohne Niederlage ins Finale.

Eine Frau posiert vor dem Stadion Ramon Sanchez Pizjuan in Sevilla für ein Selfie.

Inter Mailand gilt als Favorit - Sevilla als Favoritenkiller

Dennoch gilt Inter nicht zuletzt dank des 5:0 gegen Schachtjor Donezk im Halbfinale als Favorit. Und auch hinter den Mailändern stehen mindestens alle neutralen Tifosi. Denn seit 1999 - und damit fast so lange wie die Bundesliga (seit 1997) - ist die Serie A im kleinen Europacup titellos. „Wir wollen den Pokal zurück nach Italien bringen“, sagte Trainer Antonio Conte.

Fragen nach seiner Zukunft wich Conte, der sich zuletzt öffentlich über mangelnde Unterstützung der Vereinsführung beklagt hatte, aus. „Ich habe in meiner Karriere gelernt, immer nur im Hier und Jetzt zu leben. Ich bereite mich im Moment auf ein wichtiges Spiel vor“, antwortete er auf die Frage, ob er daran gedacht habe, dass das Finale sein letztes Spiel als Inter-Coach sein könnte.

Sevilla gibt sich derweil gewohnt aufmüpfig. „Alle drei Gegner, die wir in diesem Turnier ausgeschaltet haben, hatten deutlich größere Budgets als wir“, sagte Präsident José Castro. „Inters Etat ist mehr als doppelt so hoch wie unserer, außerdem spielen sie ein hervorragendes Turnier. Aber wir mögen schwierige Aufgaben.“ (mit dpa)

Rubriklistenbild: © María José López/dpa

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