Infektionen sind die größte Gefahr für Krebspatienten während einer Immuntherapie

Die Immuntherapie ist inzwischen aus der Therapie von Blutkrebs und Lymphdrüsenkrebs nicht mehr wegzudenken. Während der Behandlung müssen die Patienten unbedingt vor Infektionen geschützt werden. Denn mehr als die Hälfte der Todesfälle während der Immuntherapie sind auf Infektionen zurückzuführen!
Die Krebsmedizin macht immense Fortschritte. Immer mehr Krebspatienten können die Ärzte heute Monate und auch Jahre schenken oder sie sogar heilen. Dies gelingt unter anderem dank der Immuntherapien mit sogenannten CAR-T-Zellen. Diese wurden im August 2018 erstmals in Europa zugelassen. Die CAR-T-Zell-Therapie wird vor allem für die Behandlung verschiedener Leukämien und Lymphdrüsenkrebs genutzt. Dabei wird körpereigene Immunabwehr als Verbündete im Kampf gegen den Krebs eingesetzt. Für die CAR-T-Zelltherapie werden dazu weiße Blutkörperchen im Labor gentechnologisch so verändert – quasi scharf gemacht –, dass sie Krebszellen erkennen und gezielt vernichten können.
Dass Todesfälle während der Therapie meist auf Nebenwirkungen zurückzuführen sind, ist ein Irrtum
Wie jede andere Behandlung birgt diese Therapie auch Risiken: Darunter Nebenwirkungen, die sogar tödlich verlaufen können. Früher dachte man, dass die meisten Todesfälle während der Therapie auf Nebenwirkungen zurückzuführen sind. „Aber das ist ein Irrtum, wie eine unter unserer Federführung erstellte internationale Studie nun ergeben hat“, erklärt Studienleiter Privat-Dozent Dr. Kai Rejeski vom LMU Klinikum.
Forscher: „Unsere bisherigen Annahmen sind ein Stück weit auf den Kopf gestellt worden“
Es zeigte sich: Der häufigste Grund für Todesfälle nach oder während einer Immuntherapie mit CAR-T-Zellen sind schwere Infektionen – und nicht, wie gedacht, Nebenwirkungen wie ein Überreagieren des Immunsystems, auch als Zytokinsturm bezeichnet, oder schwere neurologische Symptome. Sieben Prozent der Todesfälle nach CAR-T sind auf schwere Herz-Kreislauf- oder Lungenerkrankungen zurückzuführen, elfeinhalb Prozent auf die typischen CAR-T-Nebenwirkungen wie Zytokinsturm oder schwere neurologische Symptome – aber über 50 Prozent auf Infektionen. „Letzten Endes werden damit unsere bisherigen Annahmen ein Stück weit auf den Kopf gestellt“, sagt Rejeski: „Unser Augenmerk muss in Zukunft vor allem darauf liegen, Infektionen so gut wie möglich vorzubeugen und sie früh zu erkennen!“
Früher dachte man, die Therapie mit CAR-T-Zellen schwächt den Körper so, dass dann ein anderer Krebs ausbricht. Dies ist aber nur höchst selten der Fall, nur bei acht Prozent der Todesfälle, ergab die Studie. Studienleiter Rejeski: „Die verlängerten Überlebenszeiten dank der CAR-T-Therapie sind Segen und Fluch zugleich“, sagt Rejeski, „Wer länger lebt, hat leider auch eine höhere Wahrscheinlichkeit für einen Sekundärtumor.“

Die Sterblichkeitsraten bei CAR-T-Therapien unterscheiden sich bei verschiedenen Herstellen
Ein weiteres Ergebnis der Studie ist, dass sich die Sterblichkeitsraten der Car-T-Therapien unterscheiden – je nachdem, welches Produkt von welchem Hersteller angewendet wird. Nun gibt die Art der Studie nicht her, dass ein spezifisches Produkt wirklich ein höheres Risiko für eine tödliche Nebenwirkung verursacht – das kann nur eine sogenannte randomisierte verblindete Studie. Kai Rejeski: „Aber es ist ein Hinweis, der Ärzte veranlassen könnte, bei zwei gleich effektiven Produkten für die CAR-T-Therapie eines bestimmten Tumors das mit der niedrigeren Sterblichkeit zu wählen.“
Unterm Strich steht für Kai Rejeski eines fest: „Der Nutzen der CAR-T-Therapie überwiegt die Risiken bei Weitem. Dennoch müssen wir uns intensiv mit ihnen beschäftigen, um die Ergebnisse für unsere Patienten kontinuierlich zu verbessern.“

Online-Risikoscore Rechner zur Berechnung des individuellen Infekt-Risikos entwickelt
Die Auswertung der Daten ergab auch: Jene Patienten, die nach der Therapie längere Zeit Kortison erhielten (zum Beispiel zur Behandlung anderer Nebenwirkungen), hatten eine erhöhte Infektrate. Andererseits reduzierte die vorbeugende Gabe von Antibiotika die Zahl der schweren Infektionen bei den Betroffenen mit hohem Score erheblich. Bei den Patienten mit niedrigem Score zeigte sich dieser Nutzen nicht. „Das heißt, wir können mit unserem Score individuell abschätzen, wer im Zuge der CAR-T-Zelltherapie Antibiotika bekommen sollte und wer nicht“, betont Prof. Marion Subklewe von der Medizinischen Klinik III in Großhadern. Ein großer Vorteil, denn jede Antibiotika-Gabe schädigt die Darmflora, die für ein funktionierendes Immunsystem wichtig ist.
Schlussendlich mussten Patienten mit hohem Score länger im Krankenhaus zur Behandlung bleiben als Patienten mit niedrigem Score. Vor allem aber schritt ihr Krebs, trotz CAR-T-Zelltherapie, schneller voran und sie starben insgesamt öfter an ihrer Erkrankung als Betroffene mit niedrigem Score. Schwere Infekte sind offenbar auch mit einer höheren Sterblichkeit der Patienten assoziiert. Inzwischen ist das individuelle Risiko der Patienten berechenbar: Ein Online-Score Rechner wurde bereits in Zusammenarbeit mit der German Lymphoma Alliance (GLA) programmiert. Hier finden Sie den Link zum Online-Rechner.
Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unserer Redaktion nicht beantwortet werden.
