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Lungenkrebs bekämpfen: Zielgerichtete Therapie ist „effektiver und besser verträglich“ erklärt Experte

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Eine Krebsdiagnose ist immer ein Schock. Umso wichtiger ist es, dass Patienten umfassend die Behandlungsmöglichkeiten kennen, wie ein Onkologe im Interview erklärt.

Erhielt vor Jahren ein Patient die Diagnose Lungenkrebs, war die Therapie der ersten Wahl in den meisten Fällen Chemo- und Strahlentherapie. Mittlerweile ist bekannt, dass bestimmte Krebsformen auf genetische Veränderungen von Tumorzellen zurückzuführen sind, die eine gezieltere Therapie für eine erhöhte Überlebenschance möglich machen. Eine Diagnostik auf Zellebene spielt dabei eine wichtige Rolle. Durch sie kann entschlüsselt werden, ob genetische Veränderungen wie beispielsweise die sogenannte ALK-Mutation bei nicht-kleinzelligem Lungenkrebs – die gerade auch jüngere Patienten betrifft – die Entstehung und das Wachstum des Tumors letztlich auslösen.

Neuartige Medikamente und Wirkstoffe gegen diese Art der Tumorzellen sind hocheffektiv und relativ gut verträglich. Sie wirken bisher insbesondere bei Patienten, bei denen der Krebs bereits gestreut, also Metastasen gebildet, hat, oft über Jahre hinweg. Studienergebnisse, die auf dem Europäischen Krebskongress ESMO vorgestellt wurden, zeigen zudem, dass diese zielgerichteten Therapien auch im Frühstadium der Erkrankung wirkungsvoll sind und das Rückfallrisiko drastisch reduzieren. Was einen besonderen Mehrwert darstellt: Die Behandlung kommt ohne Chemotherapie aus. Dr. med. Jan Stratmann, Facharzt für Innere Medizin und Onkologe am Klinikum der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt am Main, erläutert im exklusiven Gespräch mit Ippen.Media die Möglichkeiten der zielgerichteten Krebstherapie, nicht nur bei Lungenkrebs.

Zielgerichtete Krebstherapie: Für welche Patienten kommt sie infrage?

Dr. med. Jan Stratmann, Facharzt für Innere Medizin und Onkologie am Klinikum der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt am Main.
Dr. med. Jan Stratmann, Facharzt für Innere Medizin, Hämostaseologie, Palliativmedizin sowie Onkologie am Klinikum der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt am Main © Jan Stratmann/nNGM

Patienten, bei denen sogenannte Treibermutationen vorliegen – das heißt der Krebs auf genetische Veränderungen zurückzuführen ist – könnten grundsätzlich von einer auf die Mutation angepasste, zielgerichteten Therapie profitieren. Vorreiter dieser Art der Tumorbehandlung war und ist die chronisch myeloische Leukämie, dessen Krebstherapiekonzept die zielgerichteten Substanzen aufbrachte. „In Folge behandeln wir heutzutage viele Tumorerkrankungen wie Brustkrebs, Gallengangkrebs, Hirntumore, Speicheldrüsentumore, Magenkrebs, Darmkrebs, Prostatakrebs und Lungenkrebs mit zielgerichteten Substanzen“, betont Dr. Stratmann.

Der zielgerichteten Therapie liegt die Idee zugrunde, dass für die Krebsentstehung punktuelle genetische Veränderungen verantwortlich sind. Diese finden sich zum Beispiel in solchen Genabschnitten, die für Zellwachstum verantwortlich sind. Ist ein solcher Signalweg dann durch die Mutation dauerhaft aktiv, bedingt er das unkontrollierte Wachstum von Zellen, das typische Merkmal von Krebserkrankungen. 

Dr. med. Jan Stratmann, Facharzt für Innere Medizin und Onkologie

Wird nachgewiesen, dass ein Tumor auf eine genetische Veränderung zurückzuführen ist, kann mithilfe eines speziellen Medikaments der Tumor zielgenau behandelt und bekämpft werden. Beispiele für solche Gene, deren Veränderung eine Krebserkrankung auslösen können, sind ALK, EGFR, ROS1 oder BRAF.

Kosten der genetischen Testung der Tumorzellen übernimmt die Krankenkasse

Patienten mit einem spezifischen Krebsbefund sollten stets auf mögliche Genveränderungen des Tumors untersucht und über die Chancen der zielgerichteten Therapie aufgeklärt werden. Das Positive: Die genetische Testung der Krebszellen wird in der Regel von den Krankenkassen getragen.

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Was zeichnet die Wirkstoffe der zielgerichteten Therapie aus?

Im metastasierten, das heißt fortgeschrittenem Stadium der Erkrankung zeigt sich, dass die zielgerichtete Therapie besser wirkt, im Vergleich zur Chemotherapie und Immuntherapie, und Patienten diese auch besser vertragen. Zudem greifen die meisten zielgerichteten Substanzen auch im Zentralen Nervensystem, was einen entscheidenden Vorteil gegenüber der Chemotherapie darstellt, die üblicherweise dort kaum wirkt. Die Tumorausbreitung kann eher gehemmt und die Überlebenszeit des Patienten verlängert werden. Ein ALK-Hemmer zur Therapie eines Lungenkarzinoms beispielsweise hat nach Angaben der Deutschen Krebsgesellschaft (DGK) genau diesen Effekt. Lungenkrebs kann über verschiedene Wege in andere Körperteile streuen, wie Lymphknoten, Leber, Knochen und auch das Gehirn.

Zielgerichtete Krebstherapie: Welche Nebenwirkungen gibt es?

Wie bei jeder Krebstherapie kann auch die zielgerichtete Behandlung mit unerwünschten Nebenwirkungen einhergehen. Die Wirkstoffe sind allerdings sehr präzise auf den Einsatz gegen Tumorzellen ausgerichtet, sodass Nebenwirkungen in der Regel geringer und weniger schwer auftreten, im Vergleich zu einer Chemotherapie. Zu den möglichen Nebenwirkungen einer zielgerichteten Krebstherapie zählen unter anderem Müdigkeit, Fatigue, Gliederschmerzen, Durchfall, Hautrötungen, Juckreiz, Bluthochdruck.

Genetisch bedingter Lungenkrebs: Welche Altersgruppen sind besonders betroffen?

Die Spannbreite der Patienten mit einer Krebsdiagnose ist groß und reicht von jungen Jahren bis ins hohe Alter, wie der Krebsexperte Dr. Stratmann im Gespräch erläutert. Bis zu 60 Prozent der Frauen sind von Lungenkrebs, der durch eine genetische Veränderung hervorgerufen wurde, betroffen. Wie wahrscheinlich ist es jedoch, dass beispielsweise das ALK-Gen durch seine Veränderung die Krebserkrankung verursacht? „Das Risiko steigt mit jüngerem Alter konsequent an und ist bei den unter 40-Jährigen am höchsten, mit bis zu 20 Prozent“, weiß Dr. Stratmann aus Erfahrung.

Zwei Tumorarten bei Lungenkrebs

Tumore und Karzinome werden aufgrund ihrer charakteristischen Merkmale in kleinzelligen Lungenkrebs (SCLC) und nicht-kleinzelligen Lungenkrebs (NSCLC) unterteilt. Der Großteil der Lungenkrebsfälle, nämlich etwa 80 Prozent, gehört zu den NSCLC-Karzinomen, von denen verschiedene Unterformen und Varianten wie die ALK-positive Form existieren. Hierbei sind genetische Veränderungen in den Zellen, insbesondere in sogenannten Onkogenen, für die Entstehung von Krebs verantwortlich. ALK-positiver Lungenkrebs tritt bei etwa fünf Prozent aller Patienten mit nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom auf.

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unserer Redaktion nicht beantwortet werden.

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